7. August 2010
Die Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft e.V. (VDS) hat für den Bereich "Erlebniswelt Bad" während der ISH 2009 zehn Trends ausgemacht, die das Baddesign aktuell beeinflussen oder seine Zukunft bestimmen. In einem Interview fasst der Geschäftsführer der VDS, Jens J. Wischmann, die wichtigsten Entwicklungen zusammen.
Zu der Weltleitmesse Ihrer Branche, der ISH 2009, benennen Sie zehn wichtige Trends im Badezimmer. Warum machen Sie das eigentlich?
Jens.J.Wischmann: Baddesign ist ein Lifestylethema geworden, das die Menschen beschäftigt. Das Bad ist schon längst kein "closed shop"-System mehr, sondern ein Raum, in dem sich viele äußere Einflüsse aus Gesellschaft, Design und Umwelt widerspiegeln. Damit muss sich unsere Branche auseinandersetzen. Welche Trends haben Einfluss auf Produktentwicklung und Badkultur? Wie sehen die künftigen Schnittpunkte zwischen Produktdesign und Architektur aus? Was sind die Bedürfnisse der Konsumenten? Als Verband beschäftigen wir uns natürlich mit solchen Fragestellungen und versuchen die zum Teil komplexen Zusammenhänge nicht für die Branche, sondern auch für Außenstehende deutlich zu machen.
Was kann ich mir unter dem Kunstbegriff Pop-up the bathroom vorstellen?
Jens.J.Wischmann: Sie kennen doch die so genannten Pop-up-Bücher, in denen beim Aufklappen einer Seite Elemente hochklappen und in denen man zum Teil auch Figuren und Gegenstände bewegen kann. Dieses Prinzip, ein Bild Gestalt annehmen zu lassen und interaktiv damit umzugehen bzw. aktiv zu werden, übertragen wir auf die zehn Badezimmertrends.
Wie wird diese Idee konkret umgesetzt?
Jens.J.Wischmann: Es hat zur ISH 2009 eine eigene Internetplattform (www.pop-up-the-bathroom.de/com) gegeben, auf der die zehn Badezimmer-Trends in kurzen Flash-Filmen visualisiert wurden. Die Flash-Filme enthüllen dann in der Animation den Sinn der Titelgebung, indem die Illustrationen zusätzliche Informationen in Form von Pop-ups verbergen. Der Titel enthält aber auch eine Aufforderung, sich dem Thema Badgestaltung zu öffnen und die eigene Badkultur zu überprüfen. Denn die Vorteile und der Komfort eines neuen Bades sind mit der althergebrachten Technik und dem Jahrzehnte alten Design, die es immer noch in vielen alten Wohnungen gibt, nicht vorstellbar.
Nun stellen Sie gleich 10 unterschiedliche Trends vor … Gibt es darunter denn auch Trends, die nachhaltiger oder wichtiger sind?
Jens.J.Wischmann: Das hängt auch ein wenig von der Zielgruppe ab. So haben einzelne Trends für die Hersteller oder Badplaner sicherlich eine ganz andere Relevanz als zum Beispiel für den anvisierten Badezimmer-Nutzer.
Können Sie uns ein Beispiel nennen?
Jens.J.Wischmann: Sanitärunternehmen und Architekten bzw. Badplaner sehen gerade mit dem Trend "Interior Concepts" eine nachhaltige Veränderung im Badezimmer verbunden. Für solche "Raumkonzepte" werden die Sanitärprodukte nicht mehr an die Wand wie an einer Perlenschnur aufgereiht. In Zukunft wird der ganze Raum viel stärker mit einbezogen. Auch spielen zunehmend emotionale Aspekte eine Rolle, und der Planer muss sich noch mehr auf die Bedürfnisse der Bewohner einstellen. Fragen Sie heute Badplaner nach dem Trend Nr. 1 im Badezimmer, so wird die Mehrheit Ihnen diesen Trend nennen. Der Endverbraucher kann derzeit mit den Begriffen "Interior Concepts" oder "Raumkonzepte" noch nicht so viel anfangen. Es liegt nun an uns, den Medien und den Kreativen die Vorteile der Raumkonzepte im Badezimmer aufzuzeigen. Ich sehe hier ein ganz erhebliches Wachstumspotenzial für die Branche und eine enorme Herausforderung für alle kreativen Dienstleister bis hin zum Sanitär-Installateur.
Welcher Trend wird denn beim Endverbraucher wichtig sein?
Jens.J.Wischmann: Da sehe ich gleich mehrere Trends: Das Wichtigste scheint mir das Thema "Green Bathroom" zu sein. Das Thema Ökologie war in den letzten Jahren doch etwas in den Hintergrund getreten, doch jetzt bekommt das Konzept der Nachhaltigkeit im Rahmen der Energie-Diskussion eine ganz neue Brisanz. Interessant dabei ist ja, dass die Sanitärbranche sich schon recht lang mit dieser Thematik beschäftigt und es in diesem Bereich für das Badezimmer schon seit Jahren interessante Lösungen gibt. Denken sie nur an die 3-Liter-Spülung für das WC oder an wassersparende Armaturen und Handbrausen, die mit weniger Wasser auskommen, ohne dabei Komfort oder Wirkung zu beeinträchtigen. Ich finde aber auch andere der erarbeiteten Trends charmant, wie etwa das "Soft Bathroom". Warum gibt es heute noch so viele Ecken und Kanten im Badezimmer? Sollte das Badezimmer nicht eine wohlige, weiche Ausstattung besitzen? Schließlich bewegt der Mensch sich hier oft ohne Kleidung und ist somit besonders verletzlich. Badewannen, die weich sind und nachgeben können, oder Bodenbelege und Wandverkleidungen, die ebenfalls aus einem weicheren Material bestehen, hätten im Bad einen ganz besonderen haptischen Effekt.
Und welche Rolle übernimmt im Bad der Zukunft das Element Wasser?
Jens.J.Wischmann: Natürlich geht es nicht nur darum, Wasser zu sparen, sondern es im Gegenteil ganz intensiv zu genießen. Wasser spielt im Badezimmer also in jeder Beziehung eine zunehmend wichtige Rolle. Haben Sie einmal ein kleines Kind beobachtet, dass zum ersten Mal in seinem Leben mit einer Wasserfall-Armatur gespielt hat? Vom Element Wasser geht eine große Faszination aus, und die Designer entwickeln immer mehr Produkte, die den emotionalen und haptischen Aspekt des Wassers betonen. Armaturen mit Licht, große Kopfbrausen oder Decken-Duschen, Wasserfall-Armaturen oder sogar Waschstraßen sind nur einige Beispiele, die neben ihrer eigentlichen Aufgabe, Wasser zur Verfügung zu stellen, auch sehr emotionale Momente vermitteln. In diesem Zusammenhang muss man auch den Begriff Wellness nennen - wir sprechen in diesem Zusammenhang vom "Private Spa". Auch hier ist das Element Wasser zentral, und es macht deutlich, wie komplex das Thema Wellness im Badezimmer umgesetzt werden kann.
Sie meinen, es gibt da mehr als ein schönes, heißes Bad mit dem berühmten Wellness-Badezusatz oder die Frische-Dusche mit dem prickelnden Wellness-Duschgel?
Jens.J.Wischmann: Es gibt so viel jenseits der üblichen Werbebotschaften. Das gilt insbesondere für den Badbereich - es muss nur differenzierter kommuniziert werden. Die meisten Konsumenten denken bei Wellness im Badezimmer tatsächlich an ein heißes Bad, aber sie meinen dabei auch eine schöne Atmosphäre. Und so ein individuelles Private Spa zu Hause besteht halt nicht nur aus einer Whirlwanne oder einer großformatigen Handbrause, sondern es braucht erheblich mehr.
Was denn?
Jens.J.Wischmann: Das Private Spa ist Ausdruck eines neuen Verständnisses von Luxus: Wir brauchen Raum und Zeit, um unser körperliches und seelisches Wohlbefinden zu pflegen. Der Raum der Wahl ist dabei für immer mehr Menschen das Bad. Die Küche etwa, die in den letzten Jahren ja auch enorm an Bedeutung gewonnen hat, stellt das kommunikative Zentrum der modernen Wohnkultur dar, während das Private Spa ein sehr spezifischer, persönlicher Bereich bleibt. Der Trend zum Private Spa ist nicht zuletzt aus dem Wunsch entstanden, den Luxus eines Aufenthaltes im Spa oder in einem von der Außenwelt abgeschirmten Hotelbad, in dem Wohnen und Regenieren ja häufig zusammengelegt werden, auch im Privatbereich zu verwirklichen. Die Kunden sind dabei bereit, in ein großzügiges Private Spa zu investieren. Das macht deutlich, dass Wellness im Bad ein komplexes Thema ist, das nicht nur von der Badewanne, sondern von weichen Faktoren wie dem Raumambiente, stimmungsvollen Inszenierungen und rituellen Nutzungsmöglichkeiten bestimmt wird. Wir haben den Begriff Private Spa zur ISH 2007 eingeführt und promotet. Mittlerweile haben ihn viele Sanitärhersteller aufgenommen, und auch Badplaner bieten Lösungen für ein Private Spa an.
Was ist denn die Grundvoraussetzung, um das Bad zu einem wirklichen Zimmer umzugestalten?
Jens.J.Wischmann: Das Badezimmer wird ja zunehmend wohnlicher. Auf einmal konnte man einen Teppiche im Badezimmer finden oder einen schönen Sessel, in dem abends auch mal ein Buch gelesen wird. Doch wie so oft haben wir hier das klassische Problem von der Henne und dem Ei. Um Konzepte und Trends wie "Interior Concepts", "Homing" oder "Private Spa" umzusetzen, wird nun einmal eine größere Fläche benötigt als die durchschnittlichen 3,5 qm. Viele Architekten haben das bereits erkannt und sehen bei Neubauten ein größeres Badezimmer vor. Auch werden zunehmend die Bereiche Schlafzimmer und Badezimmer zusammengelegt – hier ist im Übrigen der SHK-Installateur prädestiniert, um die klimatischen Herausforderungen einer solchen Konstellation fachgerecht zu lösen. Wir wissen, dass zum Beispiel beim Auszug von Kindern aus dem elterlichen Haus Zimmer zusammengelegt werden – so entstehen neue Räume. Doch wird es für die nächsten 10 bis 20 Jahre wohl die Forderung an Wohnungsbaugesellschaften, Bauherren und Architekten bleiben, das Badezimmer größer zu machen. Und das ist nicht der Wunsch einer Industrie! Es sind die Nutzer, die ein größeres Badezimmer fordern, einfach, weil sich die Lebensgewohnheiten verändert haben. Das Badezimmer wird in Zukunft einen noch größeren Stellenwert im Kanon der Wohnung erhalten, das ist sicher.
Kostet die Umsetzung der angesprochenen Trends denn nicht enorm viel Geld?
Jens.J.Wischmann: Da sprechen Sie ein wichtiges Thema an. Hier gibt es natürlich auch zwei Sichtweisen. Sie können zum Beispiel für relativ wenig Geld ein Designerbad realisieren. Kollektionen wie Philippe Starck 3 vom gleichnamigen, weltbekannten Designer oder die Kollektion Subway von Villeroy & Boch bieten ein hervorragendes Preis-Leistungsverhältnis und viel Design für wenig Geld. Um jedoch Raumkonzepte oder ein Privat Spa zu realisieren, benötigen Sie auch die kompetente Hilfe von Badplanern. Diese kreative Dienstleistung spielt bei vielen der hier angesprochenen Trends eine wichtige Rolle - ohne diese Hilfe ist eine realistische Umsetzung kaum zu schaffen. Da ist nicht nur Kreativität gefragt - bei der Realisation benötigen Sie viele unterschiedliche Handwerker bzw. Gewerke, und die müssen miteinander koordiniert werden. Die Realisation eines Bades ist komplex und vom Wert vergleichbar mit dem Kauf eines Autos. Hier müssen wir wohl in Zukunft eine bessere Preis-Transparenz erreichen, denn die kreative Leistung muss honoriert werden. Während das in anderen Ländern, wie zum Beispiel England, durchaus üblich ist, scheint kreative Dienstleistung in Deutschland immer noch nicht wirklich anerkannt zu sein.
Welche drei Trends sind nun die wichtigsten?
Jens.J.Wischmann: Das ist schwer zu sagen, weil alle 10 Trends ihre Berechtigung besitzen. Wir sehen aber deutliche Schwerpunkte. So basiert der Trend zum "Easy Bathroom" unter anderem auf einer gesellschaftlichen Entwicklung, der sich die Branche sicherlich nicht entziehen kann und die enormen Einfluss auf die Gestaltung künftiger Badezimmer haben wird. Denn mit zunehmendem Alter ist die Bewegungsfreiheit im Bad eingeschränkt, und das Badezimmer ist das Zimmer in der Wohnung, in dem zuallererst Hilfe benötigt wird. Unglücklicherweise möchte man gerade hier besonders lange von fremder Hilfe unabhängig sein. Unabhängigkeit im Alter bedeutet also zu einem großen Teil Unabhängigkeit im Badezimmer. Dem Badezimmer kommt da eine Schlüsselrolle zu. Hier sehe ich nicht nur ein enormes Wachstumspotential für die Branche, sondern auch noch einigen Nachholbedarf. Aber ich denke, dass wir auf der ISH 2009 weitere Lösungsvorschläge und Konzepte der Sanitärhersteller sehen werden. Daneben ist die Idee der "Interior Concepts" ein neuer Ansatz, um den Weg des Badezimmers von der Nasszelle zu einem vollwertigen Wohnraum voranzutreiben. Auch dazu haben wir auf der ISH viele interessante Entwicklungen gesehen. Und Zu guter Letzt ist es ja unser eigenes Umweltbewusstsein, das wir im Badezimmer umsetzen können. Auch wenn sich die Amortisation von technisch aufwändigeren, aber ökologisch sinnvollen Produkten wie etwa einer Wasseraufbereitung -Anlage über einen längeren Zeitraum hinzieht und Deutschland nicht zu den Ländern mit den größten Wasserversorgungsproblemen zählt, kann der Einzelne mit seiner Investitionsentscheidung doch ein kleines Stück zu einer besseren Welt beitragen. Sie SHK-Branche übernimmt hier sicherlich eine Vorreiterposition. Wir können nur die Angebote machen - umsetzen muss der Einzelne sie selbst.


